Konservative Perspektiven in Zeiten von Hypermoral und Ressentiments - Politischer Salon in Berlin

21.11.2019

Am 20.11.2019 habe ich in der Vertretung des Freistaats Bayern in Berlin zu meinem dritten Politischen Salon eingeladen. Rund 180 Gäste sind der Einladung gefolgt und haben mit Professor Andreas Rödder über "Konservative Perspektiven" in Zeiten, in denen politische Extrempositionen immer stärker in die Gesellschaft diffundieren, diskutiert.

Ein Begriff, der derzeit mit erstaunlicher Vehemenz in Wissenschaft und Politik diskutiert wird, ist: „Konservativ“. Gerade in politischen Auseinandersetzungen polarisiert er geradezu: Als politischer Kampfbegriff dient er den einen zur Warnung vor wandlungsresistenten Traditionalisten oder gar Reaktionären. Für die anderen steht er für die Wahrung von Maß und Mitte, Verlässlichkeit und Vertrauen.



 

Dennoch – oder gerade deshalb – können wir in jüngster Zeit das Erscheinen einer ganzen Menge an seriösen Publikationen registrieren, die sich diesem Thema stellen und die von Autoren aus unterschiedlichen politischen Richtungen stammen:

Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg Winfried Kretschmann, bekanntlich Mitglied bei den Grünen, wirbt mit diesem Begriff in seinem 2018 erschienen Buch „Worauf wir uns verlassen wollen. Für eine neue Idee des Konservativen“.

Der frühere Feuilletonchef der ZEIT und Literaturkritiker Ulrich Greiner definiert sein 2017 erschienenes Werk „Heimatlos“ als „Bekenntnisse eines Konservativen“ – auch das ist etwas überraschend, da die ZEIT nicht gerade als das Sturmgeschütz des Konservatismus gilt.

Und schließlich  Andreas Rödder mit seiner Schrift „Konservativ 21.0. Eine Agenda für Deutschland“, die heuer im Frühjahr erschienen ist.

Was aber könnten die Gründe sein für dieses neue Interesse am Konservatismus, an seiner neuen Attraktivität?

Lange Zeit galt der Begriff und das, was man mit ihm assoziiert, nicht gerade als sexy: rückständig, altmodisch, frömmelnd, spießig und – besonders problematisch! – sogar ewiggestrig. 

Aber zum einen stimmen diese Zuordnungen nicht, zum anderen war und ist der Fehler dabei, Konservatismus für ein politisches Programm mit festen, ja starren Inhalten zu halten.

Vielmehr aber bezeichnet er eine Haltung gegenüber dem Wandel der Welt:

Der Konservative lebt dabei nicht in dem naiven Glauben, man könne diesen Wandel aufhalten. Es geht auch nicht um ein verantwortungsloses „Zurück in die Vergangenheit“. Seine Absicht ist es, sich diesem Wandel verantwortungsbewusst zu stellen und das Alte nicht fortschrittstrunken in Bausch und Bogen abzulehnen.

Der Konservative gibt dem Bestehenden die Chance, seine Qualität unter Beweis zu stellen; er will sich erst davon verabschieden, wenn sich das Neue wirklich als besser herausgestellt hat.

Weil diese Haltung gerade in Zeiten des dramatischen Wandels - Digitalisierung, Klimawandel, Migration, Brexit etc. - durchaus an Relevanz gewinnt, war es ein lohnender, zum Nachdenken anregender, aber auch kurzweiliger Abend in unserer Vertretung in Berlin.


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